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Vientiane - Singapur: Per Rikscha durch Südostasien

 
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Autor Nachricht
ThomasBauer
Newbe


Anmeldedatum: 20.05.2010
Beiträge: 3

BeitragVerfasst am: 20.05.2010, 16:23    Titel: Vientiane - Singapur: Per Rikscha durch Südostasien

5 Länder, 3500 Kilometer: Per Fahrradrikscha ist Reisebuchautor Thomas Bauer durch Südostasien gefahren: Von Laos über Kambodschas Angkor-Tempel und Bangkok bis nach Singapur. Hier ein kurzer Auszug aus seinem Reisebuch "Vientiane - Singapur: Per Rikscha durch Südostasien", das im Schardt Verlag, Oldenburg, erschienen ist. Weitere Informationen über Thomas Bauer: www.literaturnest.de.

RIKSCHA-TOUR NACH SINGAPUR / Teil 1 (Laos, Kambodscha)

Ein gewaltiges Scheppern hinter mir kündigte den Lastwagen an, der sich die schlaglochübersäte Straße von Vientiane nach Savannakhet entlang quälte. Als das Ungetüm direkt neben mir war, drückte sein Fahrer zur Sicherheit mit beiden Händen auf die Hupe. Es hätte ja sein können, dass ich den Sechzehntonner nicht bemerkt hatte. Wann immer eine solche Hupe keinen Meter Luftlinie von mir entfernt ertönte, zuckte ich zusammen, während ein Pfeifen in meine Ohren fuhr und mein Magen heftig um die eigene Achse rotierte.

Im Straßenverkehr, das hatte ich gleich nach meiner Abfahrt aus der laotischen Hauptstadt Vientiane bemerkt, hörte die asiatische Höflichkeit auf. Jede Straße war in Wahrheit eine Rennstrecke. Es gewann, wer die lautere Hupe einsetzen und die kleinen Lücken im Verkehrsgewusel ausnutzen konnte. Ein Radfahrer bot grundsätzlich die Möglichkeit einer solchen Lücke, weil er immer noch ein paar Zentimeter nach rechts ausweichen konnte. Selbst wenn dort bereits der Straßengraben begann.

Vientiane–Singapur, das bedeutete eine Reise von einer Welt in eine andere. Hier die angenehm schläfrige Hauptstadt von Laos, dort hingegen das in die Höhe strebende, von klimatisierten Einkaufszentren durchsetzte Singapur. Der Spannungsbogen zwischen buddhistischer Gelassenheit und glitzerndem Größenwahn verleiht der Region derzeit einen besonderen Reiz. Vientiane–Singapur, das war das verrückteste Vorhaben, das ich jemals in die Tat umgesetzt hatte. Verrückt vor allem deshalb, weil ich mir für die Reise ein ganz besonderes Fahrzeug ausgesucht hatte. Die Firma SMIKE aus Luzern hatte mir eine ihrer Fahrradrikschas überlassen. Voll bepackt wog sie sechzig Kilogramm. Einhundert Kilometer wollte ich damit im Durchschnitt pro Tag bewältigen.

Schnell wurde deutlich, dass, wohin ich auch kam, die Anwesenheit eines weißhäutigen, langnasigen Europäers auf einem dreirädrigen Gefährt die Hauptattraktion des Tages darstellte. Kinder rannten zu Dutzenden neben mir her, Frauen winkten mir zu, Männer riefen mir Anfeuerungen in einer Sprache hinterher, die sie für Englisch hielten. Machte ich Pause, bildete sich augenblicklich eine Menschentraube um mich herum. Alle wollten das SMIKE anfassen, den Reifendruck testen, mit der Sitzlehne herumspielen und das seltsame Ding begutachten, das die Kilometerzahl angab. Konnte einer der Anwesenden ein paar englische Brocken, tauchte grundsätzlich eine Frage auf:

„Wo ist denn der Motor?“
„Es gibt keinen. Ich will selbst von Vientiane nach Singapur fahren.“
„Komm schon, irgendwo muss doch ein Motor sein!“

Bei diesen Worten drückte mein Gegenüber zumeist hoffnungsvoll auf dem Dynamo herum, bis er sich schließlich kopfschüttelnd abwandte und auf seinem japanischen oder thailändischen Moped davonstob.

Jeder Tag hielt eine Reise ins Ungewisse für mich bereit. Ich war umgeben von Menschen, doch kaum keiner von ihnen beherrschte Englisch oder eine andere mir geläufige Fremdsprache. Ich wusste nicht, ob und wo ich essen konnte, wo ich mich gerade befand und wie lange es bis zur nächsten Unterkunft dauern würde. Am übelsten waren die Kreuzungen. Sie tauchten unvermittelt auf und waren in den seltensten Fällen ausgeschildert. Als ich kurz vor dem Fischerdorf Pak Kading auf eine solche Kreuzung stieß, deutete ich nach rechts und fragte die Menge um mich herum: „Pak Kading?“. Ich erntete eifriges Nicken und zuckersüßes Lächeln. Schon wollte ich nach rechts abbiegen, da beschloss ich, die erhaltene Auskunft zu verifizieren. Ich deutete also nach links und fragte wieder: „Pak Kading?“. Eifriges Nicken und zuckersüßes Lächeln war einmal mehr die Reaktion, und mir wurde klar, dass mich keiner der Anwesenden verstanden hatte.

Ich entschied mich aufs Geratewohl für den rechten Weg und gelangte zum Glück tatsächlich nach Pak Kading und weiter in das Dorf Nam Thone. Die Sonne stand wie ein gelbes Auge am Himmel, als ich dort einfuhr. Wolken schienen hier Mangelware zu sein. Vermutlich befanden sich alle, wie so oft, in Europa und ganz besonders über Deutschland. Im Zickzack fuhr ich um Wasserbüffel, Hunde und Hühner herum, bevor ich Unterschlupf in einem Gästehaus fand, das umgerechnet zwei Euro pro Nacht kostete und entsprechend eingerichtet war, nämlich: gar nicht. Es verfügte ausschließlich über ein Holzbett, auf das ich meinen Mosquito Dome stellte, eine äußerst hilfreiche Konstruktion, leichter als ein Zelt und zuverlässig bei der Abwehr von Insekten aller Art. Sie hielt auch die Fledermäuse fern, die in den Wänden hausten und nachts im Raum umherschwirrten. Sodann betrat ich das erstbeste Straßenrestaurant – und traf dort endlich jemanden, der Englisch sprach. Ihr Name war Lham, vielleicht auch Lang oder Lam. Als sie mich erblickte, steigerte sie ihr Lächeln zu einem breiten Grinsen. „Hello, I love you, what do you want?“, flötete sie mir entgegen. Ich deutete auf gut Glück auf irgendwelche Töpfe, in denen Fleisch und Gemüse brutzelten. Es schmeckte vorzüglich; ich wunderte mich nur, warum alles so klein war. Eine Leber, die ich verspeiste, hatte beispielsweise nur die Größe eines Fingernagels. Ich winkte Lham, Lang oder Lam zu mir und fragte sie hoffnungsvoll: „Chicken?“ – „Rat!“, antwortete sie freundlich und zeigte mir einen Stock, auf den eines dieser Tiere gespießt war. Ich hatte soeben Ratte mit Gemüse gegessen.

Später fragte ich Lham, Lang oder Lam noch, ob sie wisse, wo Deutschland liege. Klar wisse sie das, gab sie zurück, Deutschland liege „after ocean“. Hinter dem Meer also, das war immerhin eine zutreffende Beschreibung. Bevor ich zurück zu meinem Zimmer mit den Fledermäusen ging, wollte ich noch wissen, ob hier jemals ein Tourist gegessen habe. Lham, Lang oder Lam strahlte mich an und schüttelte den Kopf. „Booo“, ließ sie vernehmen, was in diesem Land einer Verneinung gleichkam, „you are first!“
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